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Roy Liebscher for LICHTTAUFE (Deutsch)
Der norddeutsche Tonträgerverlag Treue Um Treue entwickelt sich langsam zu einer Sammelstelle für distinguierte minimalelektronische Wiederentdeckungen. Nachdem im vergangenen Jahr bereits der „Maître du Grotesque“ und Gründer des Grahn Geen-Yol Labels CHARLES DE FRONTANEL ausgegraben wurde, ist nun mit DR. C. STEIN ein Altmeister des niederländischen Synthie-Untergrunds zum ersten Mal auf Vinyl gebannt worden. Hanjo Erkamp alias C. STEIN zählt zweifelsohne zu den wichtigsten Mitarbeitern und Musikern von Trumpett, einem altehrwürdigen Kassettenlabel aus Den Burg auf der Insel Texel. Seit 1981 hat man dort hunderte von Tapes und späterhin auch CD-Rs als zeitgemäße Kassettennachfolger, bespielt mit Synthie-, Wave- und Minimal-Pop, veröffentlicht und diese mit den Originalbändern in einer unterirdischen, mehrstöckigen Bunkeranlage archiviert, die Anfang der Sechziger von der NATO geräumt und in diesem Jahr anlässlich des fünfundzwanzigsten Jubiläums erstmals offiziell geöffnet wurde. Unter den unzähligen Künstlern, die bei Trumpett eine Heimstatt gefunden hatten, befand sich auch das kurzzeitig kommerziell relativ erfolgreiche Projekt THE ACTOR, das Mitte der Achtziger mit „Covergirl“ und „Deutsches Mädchen“ richtige Discohits produzierte. Überhaupt erlebt Trumpett gerade eine gewaltige Renaissance. So erschien bereits voriges Jahr bei Enfant Terrible ein ebenso niederländisches, junges Vinyl-only Qualitätslabel, das sich als neue Manifestierung minimalelektronischer Musiken versteht („no retro, pro neo!“) der LP-Sampler „Trumpett Sounds“ mit Stücken aus dem Archiv. Auch die von Treue Um Treue produzierte Platte „Echo Trip“ darf als Tribut an das legendäre, wenn auch größtenteils nur in Liebhaber- und Sammlerkreisen bekannte Label gesehen werden.
„Der Doktor“ C. STEIN, der bei Trumpett größtenteils nur unter anderen Namen veröffentlichte und u.a. eine Zeit lang festes Mitglied von ENDE SHNEAFLIET war (kürzlich erschien bei Enfant Terrible eine Doppel-LP mit altem Material), legt hier neun anderweitig unauffindbare Stücke vor, die allesamt zwischen 1983 und 1988 aufgenommen wurden. Natürlich merkt man den Aufnahmen sofort ihr Alter an, die blechern-synthetischen Hi-Hats, die wibbernden-wabbernden Sequenzen, die eiskalt präzisen Minimalbeats, die oxygenartigen, berauschenden Flächen, solche Sounds vermag heute kaum noch jemand dem Synthesizer zu entlocken, und wenn, dann in völlig anderen Klangfarben, allein schon weil die Instrumente nicht mehr dieselben sind. Im Gegensatz zu vielen Projekten der neueren Minimal/Wave Generation ist diese Musik auch absolut nicht düster, melancholisch oder gar „Angst-Pop“ infiziert. Diese Stücke haben eher sonnigen Wochenendcharakter, sie schwirren ganz leicht und locker durch den Äther, fordern wie in den schnelleren Passagen von „Golden Magic“ und „Lekker Rustig“ mal auf die Tanzfläche, und laden dann wieder entspannt und pianoklassisch bei „Zeg Eens A“, „El Syncro“ und „Zigeuner Am Klavier“ zu introspektiven Sofamomenten ein. So obskur und ja sogar abstoßend einem die 80er Jahre mit all ihrem übertriebenen Miami Vice Mode Chic manchmal erscheinen mögen, man kann dieser Platte nicht den magisch-nostalgischen Unterton absprechen. Einerseits lässt C. STEIN mit seiner virtuosen, perfektionistischen Synthesizerbeherrschung genügend Authentizität durchblicken, zum anderen wiegt er den Hörer mit seinen absolut reinhaltigen, kristallklaren Kompositionen in bilderreiche Zeitreisenträumereien. Diese Musik ist so neonlichttrunken, so flackernd von urbaner Aufbruchsstimmung, so verspielt und optimistisch in ihrem fast schon sportlich-ästhetischem Bewegungsdrang (nicht umsonst scheint das Stück „Giovanni Battaglin“ dem italienischen Radrennfahrer gewidmet zu sein), dass einem Bange wird, in Bret Easton Ellis inspirierte Yuppieabgründe zu stürzen. Womöglich ist der Doktor Anästhesist und Psychoanalytiker zugleich. Ohne Zweifel werden dabei auch Erinnerungen an diese retrospektiven Synthesizer Music CD Sampler wach, die Ende der Achtziger in verschiedensten Ausführungen und Auflagen den Musikmarkt fluteten. Mal von diesem aufdringlichen Spielautomatengedudel bei „Giovanni Battaglin“ abgesehen, wirkt „Echo Trip“ allerdings weitaus weniger kitschig, dagegen viel pointierter, auch lebhafter und stimmungsvoller. Ein Widerhall untergegangener Musikkulturen.
Unnötig zu erwähnen, dass Gestaltung und Produktion dieser Platte zu jeglichem Rezensionsgeschwafel einmal mehr in keinem Verhältnis stehen. Das nach Farbexplosion und Reizüberflutung schreiende Coverbild spiegelt etwa hundertprozentig wider, was einen auf dem hochwertigen, ansehnlich blau-violett gesprenkelten Vinyl erwartet. Ein Jammer, dass nicht mehr Labels so gepflegt und sorgsam um ihren Output bemüht sind. Wie sämtliche vorangegangene Erzeugnisse aus dem Hause T.u.T./R.u.R., so ist auch diese Artefaktplatte nur in begrenzter Stückzahl erhältlich. Für Sammler und Eingeweihte höre ich da schon die Fanfaren erklingen... oder sollte ich sagen, die „Trumpetten“!?
A.P. for BACK AGAIN (Deutsch)
Wer den Namen DR. C. Steuin vor der Veröffentlichung dieser LP noch nie gehört hat, muss sich wirklich nicht schämen. Und doch ist der Musiker aus Holland bereits seit Anfang der 80er Jahre mehr als aktiv im elektronischen Musikbereich. Am bekanntesten dürfte seine Minimal-Electro-Band Ende Shneafliet sein, aber auch mit anderen Bands und Projekten hat er die ganzen Jahre hindurch Musik auf dem Trumpett-Label veröffentlicht, vornehmlich auf Tapes. Das Label wurde von vielen Leuten erst seit einiger Zeit wieder entdeckt oder gar völlig neu in den eigenen Musikkosmos aufgenommen. Das Enfant Terrible-Label aus Holland hat dabei mit Wiederveröffentlichungen von The Actor und Ende Shneafliet, sowie einem LP-Sampler die Vorreiterrolle eingenommen und nun machen sich auch unsere Freunde von Treue um Treue / Reue um Reue daran, die vielen Perlen aus dem Trumpett-Katalog auszugraben und neuen Hörern zugänglich zu machen.
Sozusagen zum 25jährigen Trumpett-Jubiläum gibt es nun DR. C. STEIN erstmals auf Vinyl zu genießen und wie man kaum anders erwarten konnte, ist die Musik elektronisch, überwiegend minimal und natürlich „voll 80er“-mäßig. Die Aufnahmen, die für diese LP ausgewählt wurden stammen aus den Jahren 1983 bis 1988 und sind überwiegend instrumental, so dass irgendwas zwischen Electro-Wave, Synthie-Pop und Soundtrackmusik mit viel Atmosphäre dabei herauskommt, sehr eigen, kaum vergleichbar und herrlich eingängig und wärmer, als der sonst so kühle Minimal-Electro-Sound. Ein sehr schönes Cover, farbig marmoriertes Vinyl und eine kleine Auflage von 301 Exemplaren machen die Platte wieder einmal zu einem Sammlerstück, das man sich schnell sichern sollte. Schöner Electro-Sound zum „immer hören“ würde ich das mal nennen. Bei Treue um Treue / Reue um Reue kann man sich weiterhin auf qualitativ hochwertige Veröffentlichungen verlassen, die man eigentlich immer ungehört kaufen kann.
Michael Flach for BLACK MAGAZIN (Deutsch)
Mit dieser Veröffentlichung feiert das Hamburger Label um HIS DIVINE GRACE und WERMUT den 25. Geburtstag des legendären Trumpett-Tape-Labels und präsentiert 9 bisher unveröffentlichte Aufnahmen von DR. C. STEIN auf Vinyl. Diese stammen alle aus den Jahren 1983 bis 1988 und atmen auch mit jeden Zug den Geist dieser Ära der Synthesizer-Musik. Trotz ihres Alters und des langen Aufnahmezeitraumes klingen die instrumentalen Tracks qualitativ erstaunlich gut und homogen, wobei ich auch ein wenig skeptisch bin, ob die Aufnahmen wirklich echt und nicht nur wieder ein Spaß von HIS DIVINE GRACE sind. Eben jenen und stilvolle Unterhaltung bietet die LP aber auf jeden Fall und manches klingt nah an Hits wie “Axel F” oder ähnlich der Sachen von Pionieren dieser Musik wie ART OF NOISE oder YELLO. Aber schon allein das herrlich-dekadente Motiv des Panorama-Coverartwork von einer nächtlichen Hafenstadt rechtfertig den Kauf dieser Platte, welche auf 300 Stück limitiert und über http://eys.online.fr./tutrur erhältlich ist. (M.F.)
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